Ich war heute morgen bei der Pressekonferenz der Netzeitung zum Beta-Start ihres neuen Citizen-Journalism-Portals „Readers Edition“. Das Projekt kenne ich jetzt schon seit einiger Zeit und konnte des öfteren während der Entwicklung Feedback geben. Besucher des letzten Berliner Webmontags konnten sich auch schon ausführlich die Alpha-Version anschauen, die Peter Schink dort vorstellte. Peter ist neben Solveig Grothe Projektleiter von Readers Edition (Im Weiteren öfters RE abgekürzt)und hatte heute auch zur Pressekonferenz eingeladen. Also nutzte ich die Möglichkeit, mir mal die Netzeitung von innen anzusehen und ausserdem war ein kleines Büffet versprochen. Das lustige bei solchen (eher netz-affinen) Pressekonferenzen in Berlin ist ja, dass man ständig die „üblichen Verdächtigen“ trifft, was ja ganz nett ist.
In seinem Anfangsstatement ging der Chefredakteur der Netzeitung, Michael Maier auf die Chancen ein, die ein solches Projekt für den Netzjournalismus bedeuten würde und beschrieb diese mit dem Satz „Die konstruktive Kraft der Lesercommunities ist grösser als die destruktive“. Das hat man ja auch schon erfolgreich bei der Wikipedia sehen können.
Der Medienwissenschaftler Steffen Büffel (bekannt durch das Media Ocean Blog) wurde extra aus Trier eingeflogen, um den anwesenden Journalisten (von den alten Medien) eine kleine Einführung zu den Themen Online-und Bürgerjournalismus zu geben. Das war interessant, aber nichts neues für mich. Ausser dem Hinweis, dass es in den 80er Jahren in den USA schon eine eher theoretische Debatte über „Civic Journalism“ gegeben hat. Damals dachte man schon darüber nach, wie man besser an die Leser heran kommt und lokale Gemeinschaften nutzen kann. Aber damals fehlte auch noch die notwendige Technik, die wir heute so selbstverständlich nutzen: Das Internet. Mit dem Internet gibt es eine neue Debatte rund um den Begriff „Citizen Journalism“- Der Bürger wird selbst zum Berichterstatter. Dazu gibt es neue interaktive Möglichkeiten und das Marketing-Buzzwort „User Created Content“ beschreibt eigentlich auch nur das, was von Anfang an die Netzkultur bestimmte: Die Tradition, Informationen frei zur Verfügung zu stellen, Informationen mit anderen Nutzern austauschen. Gleichzeitig gibt es Kommunikationsmöglichkeiten über Kommentare, die Debatten ermöglichen. Dies ist übrigens älter als die Weblogtechnologie, was viele übersehen und war schon die Grundlage für Newsgroups, bzw. das Usenet.
Aber zurück zur Readers Edition. Traditionelle Zeitungen haben ja im Allgemeinen das Problem, dass ihre Kernlesergruppe aus den Über 50-jährigen und „Bildungsbürgern“ bestehen. Die Kernlesergruppen für die Zukunft der Zeitungen ist bereits mehrheitlich im Netz (14–50 jährigen) zu finden und wird sicher nicht mehr mittelfristig aufs Papier umsteigen. Das süd-koreanische Citizen Journalism-Portal „OhmyNews„ fiel gleich mehrfach in der Diskussion. Kein Wunder, ist es doch das Paradebeispiel, welche Chancen solche Portale für lokale Berichterstattung bieten und wie ein Miteinander zwischen Bürgern und Journalisten funktionieren kann. Auch Blogger und Journalisten sind keine Gegensätze, sondern werden immer mehr zu Bündnispartnern. Der grösste Unterschied von der Readers Edition zu OhMyNews soll übrigens der sein, dass bei der RE keine Redaktion alles rausfiltert, sondern Moderatoren entscheiden, was genommen werden kann und was nicht. Die Moderatoren sollen zukünftig aus der aufzubauenden Community kommen und nach Reputation ausgewählt werden. Das Modell gibt’s ja auch schon erfolgreich bei der Wikipedia zu finden. Steffen Büttel schloss sein Einführungsvortrag mit den Worten, dass Bürgerjournalismus im Netz auf Verlagsseiten nur funktionieren könne, wenn Verlage verstehen lernen, wie Netzkultur funktionierte, jetzt funktioniert und zukünftig funktionieren wird. Meine Worte. :)
Danach führte Solveig Grothe weiter in die Motivation des Projektes ein. Mit der RE wolle man den Lesern die Möglichkeit geben, selber ihre eigene Zeitung zu machen, selbst mitzuwirken und diese selbst mit zu gestalten. Dies könne dadurch geschehen, dass die Leser Beiträge schreiben, Bilder hochladen, Moderatoren werden (erstmal durch Redaktion ausgewählt, später Reputationseinstieg) und natürlich gibt es auch noch die Mitwirkungsmöglichkeiten im Sinne von Kommentaren und Bewertungen der Beiträge.
Zum Start gibt es sechs Rubriken (Politik, Web&Technik, Wirtschaft, Sport, Lokales und Vermischtes), diese sind nicht feststehend, sondern sollen mit mehr Erfahrungen erweitert werden. Texte müssen von Moderatoren freigeschaltet werden, Moderatoren sollen sich austauschen (wenn Bedenken bestehen) und notfalls entscheidet die Moderatorengemeinschaft . Bei Problemen sollen die Schreiber angeschrieben werden, Rechtschreibfehler sollen die Moderatoren einfach so rausnehmen. Für die Netzeitung ist die Plattform natürlich auch eine Art Frühwarnsystem, die Redaktion kann sehen, welche Themen von Lesern aufgegriffen werden und man kann sehen, wie nah man selbst an den Interessen der Lesern dran ist. Zumindest erstmal theoretisch.
Peter Schink beschrieb dann die Erfahrungen der Alpha-Phase, die übers Pfingstwochenende stattgefunden hat. Seit Freitag sind 30 Texte online und 5 sind nicht genommen worden. Das sei besser als gedacht für eine Alpha-Phase. Er sieht das Ganze als Experiment, was an Inhalten kommt und wie es mit der Software läuft. Probleme mit Beiträgen können natürlich nicht ausgeschlossen werden, aber dafür sind ja die Moderatoren da. „Es gibt natürlich immer ein paar wahnsinnige – dessen sind wir uns auch bewusst“, beschrieb er dies passend.
Als Software wurde WordPress genommen und so verändert, dass das Editierfeld im Frontend zu finden ist. Die Leser werden nicht verwirrt. Aber leider musste man dazu WordPress leicht forken, hoffentlich gibt das später keine Probleme (Oder ist das mittlerweile gelöst, Peter?).
Seit der Ankündigung, „man wolle 20 Millionen Schreiber finden“, hätten sich 2500 Menschen mit ihren Emailadressen angemeldet. Diese Resonanz hat wohl alles sehr überrascht, da man quasi kein Marketing für die Plattform gemacht hat. Das Glück des First Movers halt auf dem deutschen Markt.
Wie funktioniert nur das Ganze?
Nutzer können sich anmelden und Artikel schreiben. Neue Artikel kommen in eine Art Warteschleife und müssen von mindestens fünf (Am Anfang) Nutzern bewertet werden, um auf die Titelseite zu kommen. Dort finden sich auch die fünf bestbewerteten Autoren, die „Artikel der Woche“ mit Bewertung und die meistgelesenen Artikel der Woche. Für alle Artikel gibt es auch noch die Möglichkeit, eine Verbindung mit Google Maps herzustellen. Das ist sinnvoll für regionale Berichterstattung. Ich kann mir zum Beispiel alle Artikel aus Berlin anschauen und zu einerm späteren Zeitpunkt auch einen eigenen RSS-Feed aus Schlagwörtern generieren.
Alle Beiträge stehen unter der Namensnennung-NichtKommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland Creative Commons Lizenz. Damit wird ausgeschlossen, dass die Netzeitung und andere kommerzielle Medien alle guten Artikel einfach so übernehmen können, ohne die Autoren zu kompensieren. Diese müssen explizit ihre Zustimmung geben, falls man die Artikel zu kommerziellen Zwecken übernehmen möchte. Und Honorar aushandeln.
Das Risiko von Urheberrechtsverletzungen, Abmahnungen, etc. ist den Machern bewusst. Prinizipell versucht man erstmal, das Risiko einzugehen und ist „guter dinge, dass es auf Einzelfälle beschränkt bleibt“. Es gibt natürlich auch ein Blog zur Plattform, um mit den Lesenr zu kommunizieren und über Weiterentwicklungen zu berichten. In einem Wiki werden Antworten auf häufige Fragen gesammelt und Tipps gegeben, wie man Artikel schreibt und Bilder formatiert. Gleichzeitig soll transparent dargestellt werden, weshalb man manche Artikel nicht freigeschaltet hat. Eine Dopplung von Themen ist möglich und zugelassen, Peter Schink meinte dazu nur, dass es nicht schadet, wenn zu einem Thema mehrere Artikel vorliegen.
Prinzipiell wird Werbung nicht ausgeschlossen, aber man möchte bei Werbung auch Mechanismen gefunden haben, wie man die Kompensation der Autoren und Moderatoren geregelt bekommt.
In der anschliessenden Diskussion ging es dann wieder stark um die Abgrenzung zu OhMyNews.Dieser bestehe vor allem darin, dass die Kontrolle weiter nach draussen gegeben wird und man viel freier sei als das koreanische Vorbild. Auch wolle man keine Blogplattform, bzw. „persönliche Postingplattform, sondern schon eine Online-Zeitung machen mit einem klaren Presseanspruch. Man sehe den Anreiz für Leute, eine Plattform anzubieten, sich zu präsentieren und gemeinsam eine Zeitung zu machen. Eine Plattform, „die für jeden offen ist, ob Blogger, Hausfrau oder Krankenpfleger“.
Die heute gestartete Betaphase soll übrigens solange andauern, bis einige Bugs beseitigt sind und wenn man der Meinung ist, eine stabile Version erreicht zu haben. Neue Features sollen aber auch nach der Beta-Phase ständig implementiert werden. Erstmal gibt es nur die Möglichkeit, Texte einzustellen, später können/sollen Videoblogging und Podcastingmöglichkeiten eingebaut werden. Dies war wegen des engen Zeitplans (bis zur WM) nicht mehr zu schaffen.
Auf die Frage, was passiert, wenn andere Mainstreammedien das Modell kopieren, antwortete Peter Schink, dass der grosse Vorteil der Netzeitung durch ihre Online-Erfahrung und die Position des First-Movers bestehe. Aber das schön am Internet sei ja die Offenheit, dass sich das Beste durchsetzen würde. „Wenn jemand anders es besser macht, haben wir ein Problem“.
Aber wir sind ja in Deutschland und es dauert wohl noch lange, bis die grossen Medien verstehen, dass es an der Zeit ist, etwas Kontrolle abzugeben, und Open Source Strategien anwenden. Ich wünsche dem Projekt daher viel Glück.