
INDECT, das „Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment“ der EU haben wir hier einige Zeit vernachlässigt.
INDECT soll für unser aller Sicherheit garantieren – und ist ein weiteres der Instrumente, die aufgeklärte Bürger in den letzten Jahren immer misstrauischer gegenüber dem Begriff „Sicherheit“ werden lassen. Der Kern der INDECT-Entwicklung ist die Automatisierung der Auswertung der Datenberge, die ‚unsere’ ÜberwachungsSicherheitsmaßnahmen produzieren, und denen kein Mensch mehr hinterher kommt. Was muss also her?
Klar: Eine automatische Echtzeit-Auswertung, die möglichst alle Datenquellen mit einbezieht: (Polizei-)Datenbanken und Verhalten im Netz genau wie das physikalische Handeln im wohligen Schein von Überwachungskameras – kurzum: Alles, was man bekommen kann. Für eine effiziente Nutzung sollen alle (notwendigen?) Daten möglichst aus der gesamte EU aggregiert bzw. leicht zugänglich werden. Man arbeitet zum Beispiel an einem System zum Verfolgen und Observieren von „bewegten Objekten“ und Identifizierung von Menschen über die unzähligen Kameras, einer „Suchmaschine“ zur schnellen Ermittlung von Personen und autonomen Crawlern für öffentliche und private nicht ganz so öffentliche Computer-Systeme. INDECT ist also kein einzelnes System, sondern ein Überbegriff für mehrere verschiedene Techniken, die später nahtlos Hand-in-Hand greifen sollen.
Und wenn man schon dabei ist, will man natürlich auch der klassischen Kritik, dass Kameras keine Verbrechen verhindern würden, begegnen: Indem „anormales Verhalten“ möglichst frühzeitig erkannt wird – ein auffällig lang herumstehendes Gepäckstück am Flughafen zum Beispiel. Und hey, wie angenehm wäre es doch für uns alle, nicht mehr alle 5 Minuten die mahnenden Durchsagen zu hören, und die ganze Zeit unsere Mitreisenden misstrauisch beäugen zu müssen? Der große Bruder könnte uns das doch abnehmen, damit wir uns endlich wieder auf das Wesentliche konzentrieren können: Nicht aufzufallen.

Finanziert aus dem Forschungsfonds der EU arbeiten 17 Universitäten und Unternehmen an Indect mit. In Deutschland ist das zum Beispiel an der Universität Wuppertal das Team um Bernd Tibken, Professor für Automatisierungstechnik und stolz von seinen Studierenden für den Big Brother Award nominiert. Ohnehin erhält Tibken viel „wohlwollende“ Unterstützung von seinen Studenten, die eine ausführliche Linksammlung zu INDECT, das leider wegen des entflammten öffentlichen Interesses immer mehr um Geheimniskrämerei bemüht ist, zusammengestellt haben. Ansonsten sind aus Deutschland noch die Innotec Data GmbH & Co KG („Zu wissen, was man wissen sollte“) und die PSI Transcom GmbH beteiligt (Liste alle Partner hier).
Zurück zur Eingangsfrage: „Ist INDECT bereit für Testläufe?“: Die logische Folge bzw. notwendige Bedingung einer automatisierten Erkennung: Um anormales Verhalten feststellen zu können, muss man zunächst wissen, was denn „normales“ Verhalten ist – dieses also möglichst detailliert mit erfassen. Die Unterscheidung lernt das System dann im Betrieb – deswegen werden wohl noch viele Probeläufe stattfinden, bis es ein gutes Verhältnis von Sensitivität und Spezifität erreicht hat. Die ersten Prototypen erhofft man sich freudig für das Jahr 2013.
So weit ich den Stand der Forschung überblicke, ist es nicht optimistisch, sondern lächerlich in 2 Jahren mit annähernd funktionierenden Systemen zu rechnen. Das heißt aber nicht, dass man sich beruhigt zurücklehnen kann – im Gegenteil: Nur so lange sie Techniken noch nicht reif für die Anwendung sind, lässt sich durch Proteste für das Abdrehen des Geldhahns und das Hinwirken auf entsprechende gesetzliche Regelungen ihre Anwendung verhindern.
Um diesen Artikel ein bisschen ausgewogener zu gestalten, möchte ich abschließend ein INDECT-Werbevideo sowie die Homepage des Projekts verlinken, auch wenn ich daran zweifle, dass INDECT dadurch positiveres Image bekommt.