Eines der größten Probleme beim Kampf gegen Kindesmissbrauch ist, dass sich kaum jemand mit dem Thema auskennt, aber fast jeder eine eindeutige Meinung hat. Eine eindeutige Meinung zu haben ist in diesem Kontext nicht weiter schwer, Kindesmissbrauch gehört schließlich zu den abscheulichsten Verbrechen, die unsere Gesellschaft kennt.
Dass das Themenfeld tatsächlich deutlich komplexer ist, als Trash-Formate wie „Tatort Internet“ vermitteln, wird einmal mehr in einem Interview deutlich, das die Berliner Zeitung mit dem Sexualtherapeuten Christoph Joseph Ahlers geführt hat.
Herr Ahlers, Sie betreuen seit Jahren sexualtherapeutisch Pädophile. Was dachten Sie, als sie hörten, RTL2 jagt jetzt „Kinderschänder“?
Der erste Gedanke war: Nichts gelernt! Das Format zeigt nur, wie mühsam es noch immer ist, die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu dem Thema auf einer Sachebene am Leben zu halten.
[…] Das Format führt dazu, die Stigmatisierung von Personen fortzuschreiben, die für sexuelle Übergriffe auf Kinder nicht hauptverantwortlich sind. Die Mehrzahl aller sexuellen Übergriffe auf Kinder wird von Personen verübt, die nicht pädophil sind. Das sind nur ein Viertel bis maximal 40 Prozent der Menschen, die sich an Kindern vergreifen. Pädophilie heißt, dass jemand eine Sexualpräferenz hat, die sich auf vorpubertierende Kinder bezieht.
Das klingt in der Debatte anders.
Ja, weil wir auf der anderen Seite das juristische Konzept des sexuellen Kindesmissbrauchs haben, das in der gesellschaftlichen Debatte meist mit Pädophilie gleichgesetzt wird. Übrigens auch von RTL2: […] Offenbar geht es ja vor allem um Männer, die sexuelle Kontakte mit Mädchen in und nach der Pubertät suchen. Das hat mit Pädophilie nichts zu tun.
Ob die Hinweise des Spezialisten, der 2005 an der Berliner Charité das Präventionsprojekt Dunkelfeld innitiert hat, bei den Machern von „Tatort Internet“ auf fruchtbaren Boden fallen, darf bezweifelt werden. Vor allem, wenn man sich anschaut, wie Produzent Daniel Martin H(arrich) auf einer Facebook-Fanseite zur Sendung „argumentiert“:
