Ich muss mich mal kurz bedanken. Als ich vorhin bei Twitter nach Hinweisen und Screenshots fragte, wo und wann am Montag zuerst Details aus dem Privatleben der in der RTL2-Sendung „Tatort Internet“ des (versuchten) sexuellen Missbrauchs Beschuldigten veröffentlicht wurden, hatte ich innerhalb 30 Minuten nicht nur die gewünschten Screenshots, sondern auch ausreichend Material, um den Ablauf in den Minuten nach der Sendung zu rekonstruieren. Ich war für einen kurzen Moment tatsächlich sprachlos, wie gut dieses Internet manchmal funktioniert. Danke auch noch einmal für den nächtlichen Tipp an sumoso. Sexueller Missbrauch ist ansonsten ja nun wirklich kein Thema, mit dem man sich gerne rumschlägt.
Im Moment schaut es so aus, dass am Montag gegen viertel vor zehn – die Sendung lief zu diesem Zeitpunkt noch – zwei Tweets mit Hinweisen auf einen der Beschuldigten veröffentlicht wurden (Da zumindest ein Tweet den Realnamen eines Beschuldigten enthält, verzichte ich auf einen Link. Der andere und zeitlich erste stammt übrigens vom Gründer einer gut vernetzten Kinderschutzplattform.).
Um 22:06 Uhr, kurz nach dem Abspann, ging es – laut Zeitstempel – dann bei krautchan los (inzwischen gelöscht). Auf Board /b/ wurde der Beschuldigte nach allen Regeln der Kunst „nackig gemacht“. Bilder, persönliche Daten, beides auch aus dem familiären und beruflichen Umfeld, das volle Programm. Kurz nach Mitternacht ging es in diversen Foren weiter, u.a. bei boerse.bz. Der Rest ist bekannt.
Auch sonst muss ich mich bedanken. In den Kommentaren zu den bisherigen Blogbeiträgen werden immer wieder äusserst interessante Links gepostet. Zum Beispiel dieser hier zu einem Artikel in der Mainpost, in dem von einem dritten Fall berichtet wird. Es soll sich um einen Kinderdorf-Leiter aus dem Raum Würzburg handeln.
Der 61-Jährige war am Freitag nicht nur für die Redaktion nicht zu erreichen. Der Kinderdorf-Verein gab am Nachmittag bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf.
Aufschlußreich ist der Bericht aber noch in einem anderen Punkt. Anscheinend haben RTL2 & Diwafilm ihr während der Dreharbeiten entstandenes „Beweismaterial“ nicht an die Ermittlungsbehörden weitergeben. Das wurde in den Sendung anders dargestellt, oder? Die Erklärung für die Nichtweitergabe ist in ihrer bigotten Ekelhaftigkeit jedenfalls nur schwer zu überbieten:
Bleibt die Frage, warum RTL 2 das Verhalten des Heimleiters nicht gleich nach dem Dreh im Mai dem Arbeitgeber oder der Justiz gemeldet hat. Eventuell wären ja Schutzbefohlene in Gefahr gewesen. „Wir haben überlegt, das recherchierte Material gleich weiterzugeben“, so Udo Nagel auf Nachfrage. Der frühere Hamburger Innensenator moderiert „Tatort Internet“ gemeinsam mit Stephanie zu Guttenberg, der Frau des Bundesverteidigungsministers. Weil „Cyber-Grooming“ aber keine Straftat ist, habe man die „Persönlichkeitsrechte des Heimleiters“ letztlich höher bewertet, sagte Nagel. Ziel der Sendung sei es nicht den Voyeurismus der Zuschauer zu bedienen, sondern auf die Gefahren hinzuweisen, die Kindern durch Pädophile im Internet drohen.
Danke, euer Ehren, keine Fragen mehr. Interessant sind auch die Medienberichte zur Rechtslage, die verlinkt wurden:
- # „Tatort Internet – der Reality Check“ (N.N. bei Vera Bunse, 08.10.2010)
# „Nichts sagen, gehen“ (RA Udo Vetter, 12.10.2010)
# „Tatort Internet: Noch Luft nach unten“ (RA Thomas Stadler, 12.10.2010)
# Am Pranger von RTL 2: „Man kann nur noch die Scherben zusammenkehren“ (Legal Tribune, 15.10.2010)
Apropos Rechtslage: Nach einem aus unterschiedlichen Quellen unbestätigten Gerücht haben RTL2 und Diwafilm bereits mindestens eine einstweilige Verfügung kassiert, das die Ausstrahlung aufgenommen Materials verbietet. Das Gerücht klingt für mich plausibel, insbesondere wenn man den Artikel „Kinderschützer attackieren RTL-2-Show“ bei Spiegel Online liest:
Die drei Kinderschutzvereine werfen den Machern von „Tatort Internet“ auch vor, „intransparent“ und „manipulativ“ vorgegangen zu sein. Repräsentanten der Vereine seien unter Vortäuschung falscher Tatsachen um Interviews gebeten worden. […] Demnach wurde den Interviewten gesagt, die Aufnahmen würden unter anderem für eine Dokumentation über die Arbeit der Kinderpsychologin Julia von Weiler gemacht. Weiler ist in dem Kinderschutzverein „Innocence in Danger“ aktiv.
Inhaltlich können die (recht renommierten) Vereine Dunkelziffer, Kibs sowie die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und ‑vernachlässigung (DGfPI) dem Format auch nichts abgewinnen:
Ein „solch reißerisches und vorurteilsstärkendes“ Format leiste keinen Beitrag zum Schutz von Mädchen und Jungen vor sexualisierter Gewalt, heißt es in der Stellungnahme. „Es erfüllt einzig und allein die Aufgabe, potentielle Sexualtäter an den Pranger zu stellen und altbewährte Ressentiments zu verstärken.“
Auch sonst sie die Kritiken inzwischen durchweg vernichtend. Man könnte fast meinen, das Format stände unmittelbar vor der Absetzung und die Beteiligten hätten ihren Ruf endgültig ruiniert. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. RTL2 und „Innocence in Danger“ haben erreicht, was von Anfang an Sinn und Zweck der Sendung war: Sich ins Gespräch zu bringen. Der Zweck heiligt die Mittel.
Trotz allem: Schönes Wochenende!
PS: Wer darauf hofft, dass die hessische Landesmedienanstalt als für RTL2 zuständige Aufsichtsbehörde den Stecker zieht, dürfte auch enttäuscht werden. Ich habe gestern länger mit der Leiterin des entsprechenden Fachbereichs telefoniert. Das Gespräch war interessant und aufschlussreich, im Ergebnis aber wenig überraschend. Natürlich beobachte man die Sendung, die Situation sei aber schwierig und die rundfunkrechtlichen Möglichkeiten begrenzt, man stimme sich gerade mit den anderen Landesmedienanstalten ab. Bedeutet übersetzt wohl: Mehr als einen erhobenen Zeigefinger wird es nicht geben, irgendwann.